Wählt den Publikumsliebling! Matthias Frenzel: Splitter

21. August 2013 | Von | Kategorie: Aktuelles, Edition, Kurzgeschichtenwettbewerb

Wir präsentieren: die letzte Gewinnergeschichte  unseres Kurzgeschichten-Wettbewerbs. Mach mit und wähle deinen Publikumsliebling aus den 11 Gewinnertexten:

  • Die Gewinnertexte werden in den nächsten 11 Wochen immer mittwochs wöchentlich nacheinander veröffentlicht.
  • Jeder Gewinnertext wird über unsere Facebook-Seite verlinkt.
  • Über Facebook kann jeder veröffentlichte Text „geliked“ werden. Der Text mit den meisten „Likes“ innerhalb einer Woche (bis zur Veröffentlichung des nächsten Textes am darauffolgenden Mittwoch) wird der Publikumsliebling und gewinnt einen Büchertisch-Buchgutschein im Wert von 20 € .

Viel Spaß beim Lesen!

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Quelle: Fotothek

 

Matthias Frenzel: Splitter

Das Buch stand schon immer da oben. Zumindest, was seine Erinnerung anging. Seine früheste Erinnerung an dieses Zimmer reichte weit zurück, auch wenn er selbst noch gar nicht so alt war. Es war ein Sommertag und er hatte draußen gespielt, als sein Großvater ihn herein rief. Er rannte in das große Haus und rief nach seinem Großvater. Er fand ihn schließlich in einem Zimmer, das ihm vorher nie aufgefallen war. Die Tür vielleicht schon, aber was interessieren ein Kind schon dunkle Holztüren, wenn man in der Stube die Großeltern und genug Spielzeug für einen ganzen Kindergarten hat. Der Moment, in dem er das Zimmer zum ersten Mal betrat, hatte sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt. Es war kein besonderes Zimmer. Und doch vermittelte es ein ganz eigenes Gefühl. Es war klein und der Blick aus dem Fenster wurde durch eine Baumkrone versperrt. Die Wände waren voller Bücher in alten Regalen und Schränken. Einzelne Schränke hatten Glasscheiben vor den Fächern, die man zur Seite schieben konnte. Das Holz hatte sich teilweise verzogen, so dass es einiges an Kraftanstrengung brauchte, die Scheiben zu bewegen. Die meisten Regale waren aber offen und schienen vor Büchern zu bersten. Wenn er heute zurückdachte, wusste er nicht einmal mehr, warum sein Großvater ihn damals gerufen hatte. Einzig das Zimmer, die Stimmung und diese eine Bücherreihe ganz oben auf dem hintersten Regal. Die Buchrücken waren trotz ihres Alters noch sehr gut erhalten und wirkten fast neu. Einer jedoch war deutlich abgegriffener. Später, als er selbst Lesen konnte, erkannte er in den Büchern eine mehrbändige Enzyklopädie. Der eine Band jedoch fiel auf. Eines Tages kletterte er auf einen Stuhl und nahm sich das Buch. In diesem Moment öffnete sein Großvater die Zimmertür. Als er sah, welches Buch sein Enkel in den Fingern hatte, wurde er wütend und schickte ihn raus. Er konnte es nur kurz betrachten. Die Originalseiten waren entfernt und durch Handschriften ersetzt worden. Auf der ersten Seite stand nur „Kriegstagebuch T.M.“.

Sein Großvater hatte im Zweiten Weltkrieg gedient, das wusste er. Er hatte früher oft davon erzählt, wie er in Russland war und seine Füße fast erfroren sind. Davon, wie er von einer Granate verletzt wurde und die Splitter noch immer in seinem Kopf steckten. Davon, wie er in Gefangenschaft geriet und sich dort ein Feuerzeug bastelte. Das hatte er erzählt. Mehr nicht. Nie. Über der Zeit lag ein dunkler Fleck, in dem es sich die gesamte Familie eingerichtet hatte. Und nun das. Warum diese Wut?

Jetzt, Jahre später, stand er hier, die Hände auf dem schweren Arbeitsstuhl abgestützt und starrte auf das Buch, das ihm so viele Fragen beantworten könnte, die er nie gewagt hatte zu stellen. Draußen hörte er seine Familie diskutieren, wer das Silberbesteck, wer das teure Service und wer die Manschettenknöpfe bekommen würde. Sein Vater hatte gesagt, dass wenn sich in der Familie niemand für die Bücher interessiert, sie eingelagert oder weg kommen würden. Dann wäre das Tagebuch womöglich für immer weg. Er könnte es sich jetzt nehmen und Gewissheit erlangen. Worüber, das wusste er nicht. Auch nicht, woher diese unbestimmte Angst kam. Angst vor dem, was drin stand? Was vielleicht nicht drin stand? Was, wenn es keine Fragen beantwortet? Oder alle?

Er schloss die Tür ein letztes Mal hinter sich und dachte an seinen Großvater. Wie er in seinem Arbeitszimmer saß und ihn über die Brille hinweg anschmunzelte. Vielleicht war das besser als Antworten. Das Buch sah er nie wieder.

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Ein Kommentar auf "Wählt den Publikumsliebling! Matthias Frenzel: Splitter"

  1. Annedore Smettan sagt:

    Die Geschichte gefällt mir sehr gut. Sie erinnert mich sehr an mich und meinen Vater. Bei ihm gab es zwar kein Buch, aber seine Erinnerungen – nach denen ich (leider) zu wenig gefragt habe.
    Auch wenn die Geschichte nur sehr kurz ist, bringt sie doch die Atmosphäre und auch die Gefühle des Erzählenden sehr gut rüber.

    A.S.