Wählt den Publikumsliebling! Peter Suska-Zerbes: Alter Mann

7. August 2013 | Von | Kategorie: Aktuelles, Kurzgeschichtenwettbewerb

Wir präsentieren: die 9. Gewinnergeschichte  unseres Kurzgeschichten-Wettbewerbs. Mach mit und wähle deinen Publikumsliebling aus den 11 Gewinnertexten:

  • Die Gewinnertexte werden in den nächsten 11 Wochen immer mittwochs wöchentlich nacheinander veröffentlicht.
  • Jeder Gewinnertext wird über unsere Facebook-Seite verlinkt.
  • Über Facebook kann jeder veröffentlichte Text „geliked“ werden. Der Text mit den meisten „Likes“ innerhalb einer Woche (bis zur Veröffentlichung des nächsten Textes am darauffolgenden Mittwoch) wird der Publikumsliebling und gewinnt einen Büchertisch-Buchgutschein im Wert von 20 € .

Viel Spaß beim Lesen!

Foto: Steve Slater

Foto: Steve Slater

Peter Suska-Zerbes: Alter Mann

16.11 Uhr bis 16.31 Uhr
Das Buch hat 1139 Seiten. Interessante Seiten. Spannende Seiten. Aber jetzt ist es zu Ende.
Der alte Mann schlägt das Buch zu.
Er, der alte Mann, kann ja nicht wissen … sein letztes Buch.
Hastig schaut er hinüber auf die Uhr seines Wohnzimmers:

16.11 Uhr
Wenn er sich mit seinem Auto beeilt, dann könnte er es noch in die Bücherei schaffen.
Ja, wenn er sich beeilt …

16.13 Uhr
Der alte Mann fährt los. In Richtung Bibliothek.
Er, er alte Mann, kann ja nicht wissen … sein letztes Kapitel.

16.20 Uhr
Lina, sie nörgelt. Sie kommt vom Kindergarten. Ihr ist langweilig. Sie will nach Hause. „Lass mich! Nein! Lass mich!“
Die Mutter lässt die Hand der Tochter dennoch nicht los.
„Gib Ruhe!“ fordert die Mutter, halb lachend, halb plaudernd mit einer Nachbarin.
Frau Huber kommt vom Einkauf.
Sie stehen auf dem Bürgersteig. Eine Nebenstraße. Kaum Verkehr. An der Ecke die unvermeidbare Kneipe.
„Lass mich!“, nörgelt Lina.

16.21 Uhr
Lina, die Kleine, zerrt, zieht, reißt sich dann plötzlich von der Hand der Mutter los.
Ein Auto biegt gerade um die Ecke. Dahinter gleich noch eines.
Lina springt, ohne zu schauen, auf die Straße.
Entsetzt starrt die Mutter ihr nach.
Die Mutter greift nach der Tochter, erwischt aber nur Linas rotes Mützchen.
Der Schrei der Mutter erstickt bereits im Quietschen der Bremsen… ein dumpfer Schlag.
Lina wird hoch geschleudert, landet hart auf der Straße.
Dort bleibt sie reglos liegen.

16.22 Uhr
Der fassungslose Blick des alten Mannes hinter dem Steuer. Er bremst hart.
Der Schuldige vor ihm gibt Gas, verschwindet bereits hinter der nächsten Biegung.
Der alte Mann steigt aus, schwankt auf zittrigen Beinen heran, stiert auf das Kind, ohne zu verstehen. Ohne richtig zu verstehen.
Die Kleine liegt verkrümmt in absurder Lage auf der Straße.
Fassungslose Stille …
Für einen langen Moment.

16.23 Uhr
Da öffnet sich krachend die Tür der Kneipe an der Ecke der Straße. Heraus platzen Männer, sichtlich angetrunken, angelockt durch das unerwartete Geschehen.
Sie, die Männer, eilen herbei.
Zunächst verwirrt, wild schreiend, gestikulierend stehen sie schließlich da.
„Mein Kind!“, kreischt die Mutter. Zunächst erstarrt in ungläubiger Verzweiflung, dann wirft sie sich auf die Kleine.
Der alte Mann steht da. Zittert. Kann immer noch nicht verstehen.
Sein Auto mitten auf der Straße. Die Fahrertür weit offen.

16.24 Uhr
Sie, die Männer, starren auf die Mutter.
Sie starren auf das reglose Kind.
Sie starren auf den alten Mann.
Er, der alte Mann, er zittert
Er, der alte Mann, beginnt zu verstehen.
Die Männer, sie glauben, genug gesehen, genug verstanden zu haben.
Er, der alte Mann, begreift, was sie, die Männer, denken müssen.
Er, der alte Mann, beginnt zu stottern, als er ihre Augen sieht: „Ich kon … konnte nichts …“
Die Männer, sie hören nicht hin. Sie glauben ihm nicht.
Das reglose Kind.
Die schreiende Mutter.
Die fassungslose Nachbarin.
Die Tatsachen sprechen doch für sich.
„Du verdammtes Schwein!“, schreien sie, die Männer, den alten Mann an.

16.25 Uhr
Schon sind sie über ihm, schreien, schlagen, treten auf ihn ein.
Die Männer.
Sie, die Männer, sie hören nicht die Nachbarin, die versucht zu erklären, die versucht, sie abzuhalten, auf den alten Mann einzuschlagen, einzutreten.
Sie, die Männer, sie schlagen, treten weiter auf ihn ein.

16.30 Uhr
Die Nachbarin sie schreit, schreit.
Die Männer, sie begreifen erst jetzt. Hören auf, den alten Mann zu schlagen, zu treten.
Es war nicht der alte Mann! Nicht dieser!

16.31 Uhr
Zu spät!
Der alte Mann ist … tot.

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