Wählt den Publikumsliebling! Heute: JE: Das Buch

12. Juni 2013 | Von | Kategorie: Aktuelles, Edition, Kurzgeschichtenwettbewerb

Heute präsentieren wir euch die erste Gewinnergeschichte unseres Kurzgeschichtenwettbewerbs. Mach mit und wähle deinen Publikumsliebling aus den 11 Gewinnertexten:

  • Die Gewinnertexte werden in den nächsten 11 Wochen immer Mittwochs wöchentlich nacheinander veröffentlicht.
  • Jeder Gewinnertext wird über unsere Facebook-Seite verlinkt.
  • Über Facebook kann jeder veröffentlichte Text „geliked“ werden. Der Text mit den meisten „Likes“ innerhalb einer Woche (bis zur Veröffentlichung des nächsten Textes am darauffolgenden Mittwoch) wird der Publikumsliebling und gewinnt einen Büchertisch-Buchgutschein im Wert von 20 € .

Viel Spaß beim Lesen!

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DAS BUCH – JE

Das Buch, das Liane dringend für heute Abend brauchte, musste ihren ganz konkreten Vorstellungen entsprechen. Diese dem Buchhändler in der kleinen Fachbücherei an der Ecke zu vermitteln, hatte sich allerdings als äußerst schwierig erwiesen. Er war überaus engagiert und schaute sie mit großen fassungslosen, fast verzweifelten, Augen an, als sie ihm auf seine Fragen nach dem Titel, dem Autor oder dem Genre… antwortete, diese seien nur zweitrangig. In erster Linie musste dieses Buch nämlich „äußeren Ansprüchen“ gerecht werden. Das Einzige, auf das sie sich schließlich verständigen konnten, war, dass es auf keinen Fall ein Taschenbuch, sondern ein Hardcover, wie es im Fach-Jargon heißt, sein musste. Ein stabiles Buch also. Nicht zu dick, nicht zu dünn und mit ansprechendem Einband.

Dies war die Quintessenz des kurzen Dialogs mit dem überaus tüchtigen jungen Verkäufer.
Sie musste sich nun beeilen, denn bereits in einer Stunde sollte sie zu Hause sein. Sie hatte ihre beiden neuen Arbeitskolleginnen für heute zum Tee eingeladen.
Mehrmals schon hatte sie den Termin für diesen Gegenbesuch verschoben, und sie wollte ihn nicht schon wieder absagen.

So entschied sie sich, den „Bücher-Tempel“ in der Fußgängerzone aufzusuchen, dort konnte sie auf eigene Faust und in Ruhe nach dem geeigneten Wälzer schauen, ohne dass sie gleich beim Betreten mit störenden Fragen gelöchert wurde.
So stand Liane nun im Eingangsbereich dieses riesigen Buchmarktes und ließ ihren Blick schweifen: Im Erdgeschoss die Belletristik, die neuesten Bestseller (sie kannte sie fast alle), dann regelrechte Tisch-Kolonnen mit „Massen-Mist“, wie sie die zahllosen Publikationen, die sie überhaupt nicht interessierten, in rabiater Weise bezeichnete. Fachliteratur und Reiseberichte waren im Untergeschoss angesiedelt und im Obergeschoss waren die Kinder- und Kunstbücher neben dem Lifestyle-Programm zu finden.

„Ab ins Untergeschoss“, dachte sie sich, denn dort sollte die Chance am größten sein, das richtige Buch, mit diskretem und gleichermaßen schickem Einband zu finden.
Tatsächlich. Bereits nach 10 Minuten stand sie vor ‚ihrem Optimum’. Das Werk eines großen Denkers und Philosophen unserer Zeit, im eleganten, glänzend weißen Umschlag und mit wenigen Lettern auf der Buchhülle. Das war es – genau das Richtige, genau so hatte sie es sich vorgestellt!

Sie hastete eilig, aber zufrieden, mit ihrer Beute nach Hause, um die letzten Vorbereitungen für den Besuch zu treffen.
Nun, gegen 18.00 Uhr, war Liane wieder mit sich allein. Angela und Maria (sie hatten heute auf das Du angestoßen) waren pünktlich gekommen, und es hatten sich -wider Erwarten- ausgesprochen angeregte Gespräche entwickelt. Alles in Allem war es ein perfekter Nachmittag… und, das Wichtigste: das Buch hatte seinen Zweck voll und ganz erfüllt!
Liane lungerte zufrieden auf ihrer Couch, das Glas mit einem letzten Schluck Prosecco in der Hand (der Rest aus der Flasche, die sie mit ihren Kolleginnen getrunken hatte).

Sie betrachtete, geradezu liebevoll, ihren weißen Designer-Couchtisch und rutschte dabei noch etwas tiefer in die Polster, um sich auch die beiden Tischbeine noch einmal genauer zu besehen. Sie lächelte und bewunderte sich für ihren genialen Einfall. Das Buch hatte perfekt gepasst. Kein Wackeln und Kippeln, und niemand hatte es bemerkt…- und, wenn nächste Woche der Schreiner das gebrochene Bein endlich repariert hat, ja dann, dann wollte sie, allein dem Buch zu Ehren, es auf jeden Fall auch lesen.

 

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Ein Kommentar auf "Wählt den Publikumsliebling! Heute: JE: Das Buch"

  1. Stefan Wehner sagt:

    wunderbare Kurzgeschichte mit witziger Pointe.
    Macht richtig Lust auf mehr.